Fuer die Kamer van Koophandel (KVK) -- die niederlandische Handelskammer -- ist Digitalisierung kein isoliertes Projekt, sondern eine strategische Entscheidung. Als eigenstandige Verwaltungskoerperschaft unterstuetzt KVK Unternehmen beim Wachstum, bei Innovationen und im Handel, und genau deshalb schaute die Organisation kritisch auf den eigenen Finanzprozess. Innerhalb der Abteilung Finanzbuchhaltung entstand eine klare Ambition: weniger manuelle Arbeit, mehr Qualitaet und eine Arbeitsweise, die Raum fuer Beratung statt nur Ausfuehrung schafft.
Diese Ambition gewann an Fahrt, als KVK nach einer Ausschreibung AFAS Software als ERP-Loesung waehlte, mit E-Rechnung als integriertem Bestandteil. Damit war die technische Grundlage geschaffen, aber der eigentliche Erfolg hing vom naechsten Schritt ab: Lieferanten in den Wechsel zur elektronischen Rechnungsstellung mitzunehmen. Das wurde zum Kern des Projekts.
KVK stand vor einer fuer grosse Organisationen typischen Herausforderung. E-Rechnungen empfangen und verarbeiten zu koennen war technisch moeglich, bedeutete jedoch nicht, dass Lieferanten sofort mitziehen. Die Ausgangssituation war breit und vielfaeltig: von kleinen Lieferanten mit geringem Volumen bis hin zu grossen Unternehmen mit komplexen Systemen.
Darueber hinaus spielte mehr als nur Technik eine Rolle. Fuer die Finance-Organisation ging es auch um interne Veraenderung. Weniger Zeit fuer wiederholende administrative Taetigkeiten zu benoetigen war ein Ziel an sich, aber das groessere Ziel war die Verlagerung von ausfuehrender Arbeit hin zu Taetigkeiten mit mehr Steuerungs- und Beratungswert.
Der Zeitpunkt machte das Projekt besonders wichtig. Digitalisierung war bereits in der KVK-Strategie verankert, sodass intern Dringlichkeit und Rueckhalt vorhanden waren. Gleichzeitig lag die Messlatte hoch: Der Uebergang musste sorgfaeltig, sicher und mit minimalen Stoerungen fuer Lieferanten erfolgen.
Das Vorgehen begann mit Segmentierung und Aktivierung. Nach einer Bestandsaufnahme wurde zunaechst festgestellt, welche Lieferanten bereits auf Simplerinvoicing/Peppol bekannt und registriert waren. Diese Gruppe konnte direkt gebeten werden, die naechsten Rechnungen elektronisch einzureichen. Laut KVK reagierte fast jeder in dieser Gruppe positiv.
Anschliessend folgte eine breitere Kampagne. Am 1. Juli 2019 erhielten ueber 900 Lieferanten eine Umfrage. Nach dem Ausfullen erhielten die Teilnehmer automatisch eine massgeschneiderte Empfehlung, auf welchem Weg sie am besten E-Rechnungen versenden konnten. Damit wurde das Onboarding praktisch und niedrigschwellig, da Lieferanten nicht erst selbst herausfinden mussten, welcher Weg fuer sie geeignet war.
Ein wichtiger Bestandteil des Vorgehens war die Begleitung nach Reifegrad. Nicht jeder Lieferant konnte am gleichen Tag live gehen, und das wurde auch nicht erwartet. Die Kampagne kombinierte daher mehrere Massnahmen: Nachfassaktionen, Erinnerungen und Wissenssitzungen. Diese Mischung sorgte dafuer, dass die Aktivierung nach der ersten Mailing nicht zum Stillstand kam.
Auch das Monitoring erhielt einen festen Platz. KVK schaute nicht nur auf Zahlen, sondern auch auf Verhaltensmuster. Ein Lieferant, der zunaechst erfolgreich E-Rechnungen sendet und dann auf E-Mail mit PDF zurueckfaellt, erfordert eine andere Nachverfolgung als ein Lieferant, der noch nicht gestartet hat. Indem diese Signale aktiv aufgegriffen wurden, blieb die Qualitaet des Uebergangs hoch.
Die ersten Ergebnisse waren sofort sichtbar. Nach etwas mehr als vier Monaten lag die Ruecklaufquote der Umfrage bei 30,6 %, trotz der Sommerferien im gleichen Zeitraum. Durch Folgetermassnahmen in den darauffolgenden Monaten stieg der Fortschritt weiter.
Am 4. Dezember 2019 wurden 32,6 % des Rechnungseingangs bei KVK als E-Rechnungen verarbeitet. Das ist ein konkretes Zwischenergebnis in einem Projekt, das bewusst als Wachstumspfad angelegt war und nicht als einmaliger technischer Go-live.
Auch qualitativ waren die Ergebnisse stark. KVK nennt unter anderem:
- Ein grosses Zeitarbeitsunternehmen, das vollstaendig auf E-Rechnung umstellte.
- Ein grosses Buerobedarfsunternehmen, das zuvor per E-Mail und sogar per Post fakturierte und dann mit Unterstuetzung wechselte.
- Ein internationaler IT-Dienstleister, der frueh in der Kampagne aktiv Kontakt aufnahm, um schnell anzubinden.
Was dieses Ergebnis besonders relevant macht, ist, dass die Bewegung nicht von einem Lieferantentyp ausging. Sowohl Unternehmen mit hohen Volumina als auch Lieferanten mit geringer Frequenz vollzogen den Wechsel. Damit wurde bestaetigt, dass Onboarding kein Nischenansatz war, sondern ein breit einsetzbares Konzept, das innerhalb verschiedener Lieferantenprofile funktionierte.
Die Umfrageergebnisse zeigten ausserdem, wo Lieferanten selbst den Mehrwert erleben:
Intern spuerte die Kreditorenabteilung den Effekt in der Verarbeitung. KVK buchte Rechnungen bereits innerhalb von 3 Tagen, bei einer Zahlungsfrist von 30 Tagen. Mit weiterer Digitalisierung erwartete die Organisation zusaetzliche Beschleunigung durch Echtzeit-Empfang und -Verarbeitung.
Strategisch wurde auch ein naechster Schritt benannt. KVK aeusserte die Erwartung, dass Ende 2020 50 % der Rechnungen automatisch eingelesen und gebucht wuerden, davon 60 % aus dem Bereich Zeitarbeit. In diesem Zusammenhang wurde Self-Billing als logischer naechster Schritt genannt.
Die breitere Lektion aus dieser Phase ist, dass Digitalisierung im Finance-Bereich die groesste Wirkung hat, wenn Technik, Kommunikation und Nachverfolgung im gleichen Rhythmus laufen. Genau diese Kombination machte es moeglich, nicht nur mehr E-Rechnungen zu empfangen, sondern auch die Organisation intern auf den naechsten Reifegrad vorzubereiten.
"Es ist nicht ohne Grund, dass KVK Digitalisierung in ihre Strategie aufgenommen hat. Die Wirkung davon ist gross, auch fuer uns als Finance-Abteilung." Bianca de Graaf, KVK
- Beginnen Sie mit Lieferanten, die technisch bereits bereit sind: Das erzeugt schnell Traktion und internes Vertrauen.
- Kombinieren Sie Aktivierung mit Begleitung -- nur eine Ankuendigung zu versenden, reicht selten fuer nachhaltige Adoption.
- Ueberwachen Sie aktiv Rueckfallverhalten, damit Sie Lieferanten gezielt bei der strukturellen Anbindung unterstuetzen koennen.
- Nutzen Sie die gewonnene Zeit bewusst fuer die Rollenentwicklung im Finance-Bereich -- nicht nur fuer Kapazitaetsreduktion.
- Beziehen Sie Finance, Projektleitung und Softwarelieferanten fruehzeitig in die gleiche Planung ein: Das beschleunigt die Entscheidungsfindung in der Umsetzung.
- Fuer Behoerden und andere Einrichtungen mit vielen Lieferanten und einer Mischung aus grossen und kleinen Rechnungsversendern.
- Fuer ERP-Umgebungen, in denen E-Rechnung technisch bereits moeglich ist, die Lieferantenadoption aber noch hinterherhinkt.
- Fuer Organisationen, die neben Digitalisierung auch einen Schritt hin zu datenbezogenen und beratenden Finance-Prozessen machen moechten.
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